Walter Dexel (geb. 07.02.1890) und Werner Meinhof (gest. 07.02.1940) – Jahrestag zweier Geschäftsführer des Jenaer Kunstvereins

Am 7. Februar kreuzen sich Lebensein- und -ausgänge zweier Personen, die in sehr unterschiedlicher Weise von Bedeutung für die Geschichte des Kunstvereins Jena in den 1920er bis 1940er Jahren sind.

Walter Dexel, Porträt aus dem Jahr 1915. Bild: Kunstsammlung Jena

Der Kunsthistoriker und Gestalter Walter Dexel wurde an diesem Tag vor 130 Jahren geboren. Zwischen 1916 bis 1928 hatte er die Ausstellungsleitung des Vereins inne. Es kam zu einer engen Zusammenarbeit mit den Bauhaus-Künstlern aus dem nahen Weimar. Zudem wurden im Kunstverein Jena Künstler der klassischen Moderne von europäischem Rang präsentiert. Walter Dexels typografische Gestaltungen prägten das Erscheinungsbild des Vereins. Im Jahr 1928, nach 12jähriger Tätigkeit und aufkommender interner Kritik an der avantgardistischen Ausrichtung des künstlerischen Programms im immer nationalistisch-völkischer geprägten Thüringen, aus dem schon 1925 das Bauhaus durch politische Entscheidung vertrieben wurde, schied Dexel aus der Geschäftsführung des Vereins aus.

Einladungskarte des Jenaer Kunstvereins gestaltet von Walter Dexel. Foto: Kunstsammlung Jena

Er wurde Dozent für Gebrauchsgrafik und Kulturgeschichte an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg. Das gesamte Kollegium dieser Schule trat am 1. Mai 1933 geschlossen in die NSDAP ein. Trotz seiner Mitgliedschaft wurde Dexel 1935 wie auch weitere Kollegen als „unzuverlässiger Nationalsozialist“ entlassen, konnte aber eine Lehrtätigkeit als Professor für Theoretischen Kunst- und Formunterricht an der Staatlichen Hochschule für Kunsterziehung in Berlin-Schöneberg zwischen 1936 bis 1942 fortsetzen. Zugleich wurde er als entarteter Künstler bewertet. In der Ausstellung „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 wurden zwei Werke von ihm gezeigt, die nach seinem Protest wieder entfernt wurden. Zwischen 1942 bis 1945 lehrte er an der „Meisterschule für das gestaltende Handwerk“ in Braunschweig. Zudem war er beauftragt, eine Sammlung historischen und modernen Gebrauchsgeräts aus Handwerk und Industrie aufzubauen. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde Dexel aus seinem Dienst entlassen. Im Entnazifizierungsverfahren wurde er als „entlastet“ eingestuft und konnte seine Lehrtätigkeit an der mittlerweile in „Hochschule für Bildende Künste Braunschweig“ umbenannten Institution bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1955 fortsetzen. Sein freies bildnerisches Schaffen hatte Dexel mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zugunsten der zweckdienlichen kunstgewerblichen und kunsthistorischen Tätigkeit eingestellt. Erst in den 60er Jahren nahm er seine bildnerische Tätigkeit wieder auf. Walter Dexel starb im Jahr 1973 in Braunschweig. Seit 1997 vergibt die Stadt Jena aufgrund der künslerischen Verdienste und des Wirkens Walter Dexels in Jena das Walter-Dexel-Stipendium.    

Johanna Stirnemann, Fotografie, um 1930

Auf die Geschäftsführung Walter Dexels folgte die promovierte Kunsthistorikerin Johanna Stirnemann, die zugleich das Stadtmuseum Jena ab 1930 leitete. Sie war die erste Direktorin eines Museums in Deutschland. Nicht zuletzt aufgrund dieser für diese Zeit außergewöhnlichen Position einer Frau gab es ihr gegenüber Anfeindungen von Seiten des städtischen Arbeitgebers. Zudem wurde sie wegen jüdischer Vorfahren denunziert. Johanna Stirnemann beendete im Jahr 1934 den Dienst in Jena. Ihrer Biografie wird in Kürze an anderer Stelle gedacht werden.

Werner Meinhof, Porträt aus seinem 1941 posthum im Eugen-Diederichs-Verlag erschienenen Werk: Lebendige Anschauungen.

Im Jahr 1936 tritt Werner Meinhof, einstiger Kommilitone von Johanna Stirnemann, das Amt des Direktors des Stadtmuseum Jena an, zugleich wird er auch Geschäftsführer des Kunstvereins. In seinem Lebenslauf zeigt sich, wie kurz die Distanz zwischen Mitläufertum und kulturpolitischer Mittäterschaft ist. Aus einer christlich geprägten bürgerlich-akademischen Hallenser Familie stammend, studierte Meinhof Kunstgeschichte in Halle. Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Nach einem Volontariat in den Kunstsammlungen Danzig wurde er im Jahr 1928 wissenschaftlicher Assistent am Oldenburger Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Vehement verfolgte er seine Karriere, indem er sich dem Kulturprogramm der Nationalsozialisten anschloss. Spätestens 1930 trat er dem nationalsozialistischen „Kampfbund für deutsche Kultur“ bei. Wie auch Walter Dexel trat Werner Meinhof am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Nach einer gescheiterten, von ihm veranlassten Denunziation seines Vorgesetzten am Landesmuseum Oldenburg findet er 1935 die Möglichkeit zum Karrieresprung in der unbesetzten Stelle des Museumsdirektors in Jena, die bis 1934 Johanna Stirnemann innehatte. Im Jahr 1936 wird ihm, nach einigem Bemühen und unter Inanspruchnahme verschiedenster NSDAP-Regierungsstellen für Empfehlungsschreiben, die Leitung des Stadtmuseums Jena als auch die Geschäftsführung des Jenaer Kunstvereins übertragen. Seine erste von ihm organisierte Ausstellung im Kunstverein trägt den Titel „Marsch und Geest“ und zeigt Landschaftsmalerei.

Einladungskarte des Jenaer Kunstvereins zur Ausstellung „Marsch und Geest“, kuratiert von Werner Meinhof.

Seine erste Ausstellung im Stadtmuseum Jena widmete sich der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806. Gezeigt wurden Schlachtengemälde, Porträts von beteiligte historischen Personen. Zur Eröffnung wurden Soldatenlieder gesungen.
Seit 1937 dozierte Meinhof auch an der „Staatlichen Hochschulen für Baukunst, bildende Kunst und Handwerk Weimar“. Eingeladen hatte ihn Paul Schultze-Naumburg, der seit 1930 mit dem Amtsantritt der Thüringer Baum-Frick-Regierung, die erste Landesregierung mit NSDAP-Beteiligung in der Weimarer Republik, ins Amt des Hochschulleiters gehoben wurde.  Durch die Aktivitäten des Architekten Schultze-Naumburg wurden auch die letzten Spuren des Internationalen Stils des 1925 vertriebenen Bauhauses in Weimar beseitigt, zugunsten einer völkischen Heimatschutzarchitektur.  
Im Vorfeld der Beschlagnahme-Aktion „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 versuchte Meinhof die kostbare Ernst-Ludwig-Kirchner-Sammlung an die Nationalgalerie Berlin zu überführen, zum einem mit der Bitte, dass diese nicht durch den Handel zerschlagen werden möge, sondern als Studien-Sammlung in den großen Bestand der Nationalgalerie eingebettet werden möge, zum anderen bot er sie zum Tausch gegen Dubletten der Nationalgalerie an. Die Bitte liest sich ambivalent. Ist es ein später, schwacher Versuch, jene desaströsen und zerstörerischen Auswirkungen der Kulturpolitik zu verhindern, die auch Meinhof im kleinen Jena mitgefördert hatte? Oder ist es Kalkül, einer Beschlagnahmung der aus Meinhofs Sicht nicht ausstellungswürdigen Kirchner-Sammlung zuvorzukommen und aus dem Tausch Kapital zur Aufstockung des Museumsbestandes zu schlagen mit Werken, die in Jena im Sinne der nationalsozialistischen Ästhetik einen Ausstellungswert hatten? Aus dieser Perspektive betrachtet, kann die Aussonderung der Ernst-Ludwig-Kirchner-Sammlung durch Werner Meinhof als vorauseilender Gehorsam verstanden werden. 

Ernst Ludwig Kirchner, Selbstporträt, 1919 (CCA)

Der Versuch eines Bildertauschs scheiterte. Im Juli 1937 kam es zu einer deutschlandweiten Welle an Beschlagnahmungen von Kunstwerken, die angeblich „Ausdruck des Kulturverfalls“ waren, aus öffentlichen Sammlungen. Insgesamt wurden etwa 20.000 Kunstwerke von 1400 Künstlern aus über 100 Museen konfisziert. Viele der beschlagnahmten Kunstwerke wurden in den internationalen Kunsthandel gebracht. Einige wurden verbrannt. Allein 639 Werke Ernst Ludwig Kirchners verschwanden. Davon kamen 260 Blätter aus Jena. Diffamiert als „entarteter Künstler“ und seiner Lebenswelt beraubt, erschoss sich Ernst Ludwig Kirchner am 15. Juli 1938 im Schweizer Exil.
Die zerstörerische Kulturpolitik der Nationalsozialisten ging weiter. Wenige Tage vor Beginn des 2. Weltkrieges, am 28. August 1939 wurde Werner Meinhof ins Ernährungs- und Wirtschaftsamt abkommandiert. Der Etat für das Stadtmuseum wurde gestrichen.

Werner Meinhof erkrankte an Bauchspeicheldrüsenkrebs und verstarb am 7. Februar 1940 in Jena. Er hinterließ eine Witwe (Ingeborg Meinhof, geb. Guthardt) und zwei Kinder, Wienke (8 Jahre) und die damals fünfjährige Ulrike Meinhof, die später, in der 1970er Jahren die Geschichte der Bundesrepublik als Gründungsmitglied der terroristischen Roten Armee Fraktion mitprägen sollte.

 

Text: Robert Sorg

Der Text entstand unter Verwendung folgender Literaturen:

Jutta Ditfurth: Werner Meinhof (1901 – 1940) – ein gewöhnlicher völkischer Kunsthistoriker (Teil I + II). Erschienen in: Jahrbuch des Landesmuseums Oldenburg. Bd. 6. 2006, S. 8-18, sowie Bd. 07.2007, S. 8-13.

Maria Schmid: Die Geschichte der Jenaer Kunstvereinssammlung. Erschienen in: Rausch und Ernüchterung. Die Bildersammlung des Jenaer Kunstvereins – Schicksal einer Sammlung der Avantgarde im 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Jenaer Kunstverein e.V., Städtische Museen Jena, Kulturstiftung Jena. Jena, Quedlinburg: Bussert und Stadeler 2008

Walter Vitt; Volker Wahl: Walter Dexel (1890 – 1973) Leben, Wirken und Rezeption in Jena – eine Dokumentation. Erschienen in:  Jena-Weimar – Die große Stadt. Hrsg. in Verbindung mit dem Archiv der Bauhaus-Universität Weimar. Bd. 9. 2016, S. 143 – 168

Walter Dexel (1890 – 1973), Werkverzeichnis : Gemälde, Hinterglasbilder, Gouachen, Aquarelle, Collagen, Ölstudien, Entwürfe zu Bühnenbildern. Hrsg. v. Ruth Wöbkemeier. Der Kunstverein in Bremen. Mit Beitr. von Ruth Wöbkemeier und Walter Vitt und dem Wiederabdr. eines Textes von Werner Hofmann.