Quo vadis, liebe Kunst?

„Die Form einer Stadt ändert sich schneller als die Stimmung eines sterblichen Menschen.“ bemerkt Charles Baudelaire in seinem Gedicht „Der Schwan“ etwas wehmütig über den Wandel der Weltstadt Paris.
In der kleinen Großstadt Jena findet sich an einer Häuserwand, am Rande der Baustelle der neuen Stadtbibliothek der kurze Sinnspruch: „Nur was sich ändert, bleibt bestehen.“ In dieser Erkenntnis zeigt sich nicht nur die pragmatisch-positive Herangehensweise der prosperierenden Saale-Stadt. Im Zeitalter der Beschleunigung besteht die Gefahr, dass aus dem Bedürfnis nach und der Notwendigkeit zur Veränderung ein sich überstürzender Zwang entstehen kann, ohne jede Nachhaltigkeit und Relation, oder, gegenpolig, ein Erstarren in der Anschauung und Verharren in Wahrheiten, die nie welche waren. 

Der kurze Spaziergang durch die Geschichte des Jenaer Kunstvereins hat auch gezeigt, wie sich die Stadt in den letzten dreißig Jahren verändert hat. Es zeigt sich zudem, dass vor allem im letzten Jahrzehnt große Bauprojekte in die Hand genommen wurden, nicht zuletzt aufgrund der starken wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leistungen der Region. So liegen denn auch die Gewichtungen der neu entstehenden Areale in diesen Bereichen, denkt man an den Hauptsitz von Zeiss und den neuen Universitäts-Campus auf dem Inselplatz.  

Für Gesellschaft, Kultur und Sport wurden und werden ebenfalls eine Vielzahl von Gebäuden optimiert bzw. geschaffen. Im Jahr 2009 wurde die Villa Rosenthal als kultureller Ort mit gemischtem Nutzungskonzept eröffnet.  Derzeit wird die Nutzung des Gebäudes zum politischen Bildungsort neu konzipiert. Zudem steht der Umbau des Volkshauses als Spielort der Philharmonie in Verbindung mit der Erneuerung des  Deutschen Optischen Museums an. Stadtbibliothek und Bürgeramt erhalten einen Neubau. Ein neues Fußballstadion wird entstehen.

Findet man auch räumliche Veränderungen für den Bereich der Kunst? Seit der Eröffnung der Kunstsammlung im Stadtmuseum im Jahr 1992 sind für diesen Kultur-Bereich keine weiteren Neukonzipierungen mit baulichen Folgen geschehen. Besteht keine Notwendigkeit für ein Ausstellungsgebäude, das primär der bildenden Kunst gewidmet ist? Oder liegen die Gewichtungen in Jena einfach in anderen, schon erwähnten Bereichen? Fehlt es einfach an präsentabler Kunst oder mangelt es am Interesse der Bevölkerung als auch in den kommunalen Institutionen und in diesem Zusammenhang an einer Lobby?    
Es muss beim Flanieren durch die Geschichte des Kunstvereins konstatiert werden, dass der Traum von einem Haus für die Kunst schon so lange Bestand hat, wie die Sammlung, die der historische Kunstverein durch bürgerliches Engagement aufgebaut hat. Im Gegensatz zur Sammlung besteht dieser Traum auch weiterhin. Das zeigt sich in den Debatten um ein Kunsthaus, die oft im Zuge großer Projektplanungen der letzten Jahrzehnte aufgekommen sind, die bis jetzt allerdings nie Eingang gefunden haben in die Realisierung der Bauvorhaben. So wird wohl auch beim nächsten Großbauprojekt am Eichplatz kein Ort für die Kunst entstehen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten herrscht Uneinigkeit über die Bebauung und Nutzung des Areals. Ein Bebauungsplan aus dem Jahr 2010 wurde im Jahr 2014 durch einen Bürgerentscheid verworfen. Seitdem wurde ein städtebaulicher Rahmenplan durch das Büro Albert Speer & Partner mit Bürgerbeteiligung entwickelt. Der im Jahr 2017 verabschiedete Rahmenplan spricht sich zwar auch für eine teilweise kulturelle Nutzung der Bauflächen aus, projektiert aber konkret kein Kunsthaus.

Rahmenbebauungsplan des Eichplatzes, entwickelt durch das Architektur- und Stadtplanungsbüro Albert Speer und Partner mit Bürgerbeteiligung. Vorgaben zur Bebauung: gestaffelte Bauhöhenvorgabe und polygonaler Grundstruktur. Bild: www.eichplatzareal.de

In den letzten 20 Jahren gab es vielfältige Initiativen und Aufrufe für die Errichtung eines Kunsthauses. 
Im Jahr 2001 gründete sich die Kulturstiftung Jena, die sich die Eröffnung eines Kunsthauses auf die Fahnen geschrieben hatte. Hochrangige Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur unter dem Vorsitz des damaligen Oberbürgermeisters Albrecht Schröder fanden sich zur Gründung zusammen. Allerdings konnte die Stiftung bis heute keine konkreten Pläne zur Umsetzung Ihrer Stiftungsaufgabe aufstellen.
Am Ende des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert erhielt die Debatte um ein Kunsthaus neue Impulse. Für die zahlreichen brachliegenden Freiflächen in der Innenstadt Jenas entstanden Ideen im Rahmen städtischer Ideenwettbewerbe,  wirtschaftlicher Projektentwicklungen und Semesterprojekten der Bauhaus Universität. So zeigte im Jahr 2009 eine Ausstellung der Kunstsammlung in der ehemaligen Galerie IG 16/61 in der Knebelstraße Entwürfe zu einer „Kunsthalle für Jena“ von Diplomanden der Bauhaus-Universität Weimar.  Karl-Heinz Schmitz, mittlerweile emeritierter Professor für Entwerfen und komplexe Gebäudelehre, betreute die Diplomarbeiten zu diesem Thema. Die besondere Herausforderung der Projektskizzen bestand in der Bebauung des verwinkelten Areals zwischen Schloßgasse und Fürstengraben, das eine unterirdische Verbindung zwischen zwei Gebäudekörpern erforderte.

Eine Kunsthalle für Jena: Entwurf von Wilhelm Rosenberger

Eine Kunsthalle für Jena: Entwurf von Julian Möhring

Ein weiteres Projekt von Professor Hubert Rieß an der Bauhaus-Universität Weimar im Jahr 2009/2010 widmete sich ebenfalls der Bauaufgabe eines Kunsthauses in Jena. 

Eine Kunsthalle für Jena: Entwurf von Thomas Baschin

Der Beitrag des Architekten Gisbert Bachrodt für den städtebaulichen Ideenwettbewerb zum Inselplatz in den Jahren 2008/2009 spielte ebenfalls mit der Idee eines Kunsthauses. 

Kunsthaus am Inselplatz: Entwurf von Gisbert Bachrodt

Für einen Interessenbekundungswettbewerb für Investoren zur Eichplatzbebauung im Jahr 2010 brachte Gisbert Bachrodt die Idee eines Kunsthauses ebenfalls mit ein. Der von ihm vertretene Investor hätte die Idee eines Kunsthauses mittragen können. 

Kunsthaus am Eichplatz: Entwurf von Gisbert Bachrodt

Neben Entwürfen zu Neubauten finden sich auch Ideen für Gebäude-Umnutzungen. Ebenfalls im Jahr 2009 konzipierte die Firma MGM Management GbR Jena in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Schröder / Jena und der Architektengemeinschaft schröder.ramusch ein Kunsthaus im ehemaligen Hochbunker am Magdelstieg.

Kunsthaus im ehemaligen Hochbunker am Magdelstieg. Entwurf von MGM Management Jena GbR / Ingenieurbüro Schröder, Jena / Architektengemeinschaft schröder.ramusch

Trotz dieser hohen Dichte und teilweise hohen Qualität an Entwürfen aus den Jahren 2009 und 2010 – eine konstruktive Resonanz blieb bisher aus. Auch wenn in der  Kulturkonzeption der Stadt Jena für die Jahre 2010 – 2015 festgelegt wurde, dass die konzeptionellen, finanziellen und personellen Voraussetzungen für eine Kunsthalle und einen entsprechender
Stadtratsbeschluss geschaffen werden sollten. „Geld für eine entsprechende Studie wurde in den Fonds der Kulturkonzeption 2015 eingestellt. Dieses Geld wurde zur Entwicklung des Areals in der Neugasse umgewidmet, die Zukunft eines Kunsthauses bleibt weiterhin ungewiss.“ heißt es in der Kulturkonzeption für die Jahre 2017-2020.  

Bei seinem Amtsantritt als neuer Direktor des Stadtmuseum forderte Ulf Häder die Wiederaufnahme der Debatte mit langfristiger Perspektivierung. Zwei Jahre später gründete sich der gemeinnützige Verein „Ein Kunsthaus für Jena“ e.V., der sich der Errichtung eines Kunsthauses auf dem Eichplatz verschrieben hat. Mit Ausstellungen zum und aus dem Bestand der Kunstsammlung und Informationsveranstaltungen setzt er seitdem wichtige Impulse für eine Wiederbelebung der öffentlichen Debatte. 

Der Traum von einem Kunsthaus für Jena wurde in den letzten zwei Jahrzehnten intensiver geträumt. Die daraus entstandenen Initiativen und Impulse zeigen zum einen, wie breitgefächert das Interesse an einem solchen Ort ist, zum anderen lässt sich darin aber auch die bisherig schwammige Konturierung des Vorhabens erkennen. Zur Umsetzung  eines Kunsthauses bedarf es der verantwortungsvollen Bereitschaft aller gesellschaftstragender Bereiche. Die Einsicht, dass für ein solches Projekt die Notwendigkeit besteht, ist oftmals schwer. Dient doch die Kunst scheinbar keiner offensichtlichen Funktion.  Gerade in einer Stadt, die durch Funktionalität und Ingenieurleistung geprägt ist,  ist die Erkenntnis vom Mehrwert der Kunst selten anzutreffen. Und so gilt es als erstes für Jena die Frage zu klären:  

Wieviel Kunst braucht die Stadt? Wieviel Kunst will die Stadt?