modern, progressiv, weiblich: Vor 90 Jahren wird Hanna Stirnemann Geschäftsführerin des Kunstvereins Jena

Am 29. Juli 1930 übernimmt die 30jährige Kunsthistorikerin Hanna Stirnemann die Geschäftsführung des Kunstvereins Jena und seiner Sammlung im Prinzessinnenschlösschen. Erst im April hatte sie den Direktorenposten des Stadtmuseum Jena übernommen, in Nachfolge des Museumsgründers, Paul Weber. Somit wurde die erste Museumsdirektorin Deutschlands Leiterin des Kunstvereins Jena.

Hanna Hofmann-Stirnemann, Foto: Stadtmuseum Jena

Bob, Zigarette, Karriere

Hanna Stirnemann (geb. 12.10.1899) zählt zu den Vertreterinnen der Neuen Frau: emanzipiert, unabhängig, zielstrebig, erfolgreich, selbstbewusst. Als sie 1929 nach Thüringen – zunächst Greiz, dann im Winter Jena – kommt, hat sie nicht nur einen Doktortitel in Kunstgeschichte und ein Renommee im Museumsfach vorzuweisen, sondern zudem eine Leidenschaft für Gegenwartskunst, Avantgarde und die weiblichen Figuren der Kunst(geschichte). So präsentiert sie in ihren ersten Ausstellungen für den Kunstverein 1930 Paula Modersohn-Becker, Änne Biermann (neue Fotografie) sowie die jungen Maler des Bauhaus. Sie knüpft ideell an die avantgardistische Ausrichtung des Ausstellungsprogramms Walter Dexels (1916 bis 1928 Leiter) an, der ebenfalls die zeitgenössische Kunst des Weimarer Bauhauses wie auch die Künstler der Klassischen Moderne im Kunstverein ausstellte.

Hanna Stirnemanns klare kuratorische Linie und ihre Fokussierung auf die weiblichen Positionen in der Kunst tritt beim Blick in das Ausstellungsprogramm des Kunstvereins Jena während ihrer fünfjährigen Amtszeit hervor. Im Frühsommer 1932 stellt sie „Gestaltende Arbeiten der Frau – Malerei, Grafik, Plastik, Fotografie, Kunstgewerbe“ aus und zeigt dabei schon in der Wahl des Untertitels auf, dass es sich um Arbeiten ernstzunehmender bildender Künstlerinnen handelte. In einem Brief an die Berliner Künstlerin Hannah Höch schreibt sie dazu: „Die Ausstellung umfasst alle Gebiete künstlerischen Frauenschaffens. Es sollen grundsätzlich nur künstlerische Spitzenleistungen ausgestellt werden.“ Diesem Anspruch folgt sie auch, als sie 1934 Gabriele Münters Ölgemälde aus 25 Schaffensjahren präsentiert. Dieser Zusammenarbeit ist es schließlich zu verdanken, dass Hanna Stirnemann trotz des selektiven Gedächtnisses der Kunstgeschichte nicht in Vergessenheit gerät. Gabriele Münter portraitiert Stirnemann 1934 zwei Mal in Öl und somit auch die Neue Frau, die sie darstellte: mit kurzgeschnittenem, glattem Bubikopf, eine Zigarette in der Rechten haltend, in Hemd und Weste in selbstbewusster Pose.

Dass eine solche moderne Frau und auch ihre Ausstellungen Mitte der Dreißiger Jahre nicht mehr so recht in den Rahmen der NS-Kulturpolitik passten, beweist im April 1935 die vorzeitige Schließung der Ausstellung Franz Radziwills. Hanna Stirnemann schreibt dem Künstler etwas ratlos: „Ich übersehe noch nicht die einzelnen die Zusammenhänge und muß dem höheren Befehl stattgeben und die Ausstellung von heute ab schließen, sowie den angesetzten Ausspracheabend ausfallen lassen.“ Hanna Stirnemann interessiert sich deutlich mehr für (zeitgenössische) Kunst als für die vorherrschende politische Lage. Doch Beschwerden aus den Reihen der Jenaer Künstler an den Oberbürgermeister, sie würde die alteingesessenen Künstler benachteiligen und dass „im Übrigen der Kunstverein noch nicht begriffen hat, um was es heute geht und welche Aufgaben er innerhalb unserer Volksgemeinschaft zu erfüllen hat“ sowie eine Denunziation erhöhen 1935 derart den Druck auf Stirnemann, dass sie schließlich am 01.04.1935 zum Jahresende kündigt und Jena verlässt.

Nach der innerer Emigration während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt sie ihre Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg weiter: Inzwischen trägt sie den Namen Johanna Hofmann. Sie wird Bürgermeisterin von Hainichen, Leiterin des Schlossmuseums Heidecksburg in Rudolstadt und schließlich Leiterin des Deutschen Werkbunds in Berlin.

Am 25.11.1996 stirbt sie im Alter von 97 Jahren in Berlin.

Text: Nadine Rall

Der Text entstand unter Verwendung folgender Literatur:

Maria Schmid: Die Geschichte der Jenaer Kunstvereinssammlung. Erschienen in: Rausch und Ernüchterung. Die Bildersammlung des Jenaer Kunstvereins – Schicksal einer Sammlung der Avantgarde im 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Jenaer Kunstverein e.V., Städtische Museen Jena, Kulturstiftung Jena. Jena, Quedlinburg: Bussert und Stadeler 2008.

Rainer Stamm: Hanna Stirnemann. Die Avantgarde der Frauen. Erschienen in: FAZ (03.04.2018). Zugänglich unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/hanna-stirnemann-die-avantgarde-der-frauen-15518627-p2.html. (letzter Zugriff 26.07.2020)