Happy Birthday, lieber Kunstverein – Die DDR, die Digitalisierung und der ganze Rest

Bewegte Zeiten. Heute vor exakt 30 Jahren, am 20. April 1990 fand die erste Mitgliederversammlung des neugegründeten Jenaer Kunstvereins statt. Es war eine Zeit des Aufbruchs und auch der Ungewissheiten, gut sechs Monate nach den Montagsdemonstrationen und der Öffnung der innerdeutschen Grenze. Die Bilder des Mauerfalls in Berlin haben sich ins kollektive Gedächtnis geschrieben.

Einen Monat vor dem ersten vereinsrechtlich-demokratischen Zusammenkommen des Vereins, am 18. März 1990, fand die erste und letzte demokratische Wahl in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) statt. Mit dem Wahlsieg der Christlich Demokratischen Union (CDU) entschied sie der Großteil der Wählerschaft für die Wiedervereinigung Deutschlands und die Auflösung des Staates DDR.

Der wiedergegründete Jenaer Kunstverein überstand die Wiedervereinigung und stand somit zugleich in der Tradition seines legendären Vorgängers, dem Kunstverein Jena, der während seiner Existenz zwischen den Jahren 1903 und 1949 sogar drei politische Systeme samt beider Weltkriege überlebte (Deutsches Reich, Weimarer Republik, Nationalsozialistischer Staat).

Beweggründe und Enthusiasmus bürgerlichen Kulturengagements haben sich in den letzten drei Jahrzehnten geändert. Stetige Grundlage der Vereinsarbeit ist aber immer die Lust an der Inanspruchnahme freiheitlichen Entscheidens und Handelns und allem voran die Liebe zur Kunst.

Vereinsstruktur und Vereinsleben sind seit 1990 gewachsen und gereift. Eine Institutionalisierung und Professionalisierung und damit auch Bürokratisierung vollzog sich mit der Zeit, kongruent mit dem Einzug von demokratischer Kulturpolitik und sozialer Marktwirtschaft in die neuen Bundesländer.

Nach dreißig Jahren ist der Verein hoffentlich noch immer nicht ganz erwachsen geworden. Denn gerade in der stetigen Möglichkeit der Veränderung von Sichtweisen steckt ein großes Potential, das innovative und kreative Auswirkungen zum einen für die ehrenamtlichen Mitarbeiter, als auch für die Kunst, samt ihrer Besucher und damit für die Kultur haben kann. Agilität und Enthusiasmus der Kulturvereine werden durch die kulturpolitischen Instanzen durchaus geschätzt, aber werden sie auch durch Förderungen und Förderbestimmungen so gewürdigt, dass ehrenamtliches Engagement auch durch den immateriellen Wert der freien kulturellen Entfaltung belohnt wird? Oder erdrücken bürokratische Anforderungen und finanzielle Herausforderungen diesen Enthusiasmus. Diese Diskussion ist leider mittlerweile auch schon Jahrzehnte alt. Das Phänomen des Vereinssterbens, also schwindende Mitgliederzahlen und ein hoher Altersdurchschnitt, ist durchaus aktuell. Aber auch späte Förderbescheide, kurze Förderzeiträume und damit verbundene Planungsunsicherheiten, hoher bürokratischer Aufwand beim Einwerben und Abrechnen kleinster Förderbeträge sind jährlich wiederkehrende Herausforderungen von Vereinen.
Ehrenamtlich getragene Kulturarbeit ist ein immens wichtiger Bestandteil im Kulturbereich, ohne deren Existenz kommunale Kulturlandschaften, wie die der Stadt Jena, wesentlich ärmer und einseitiger aussehen würden.

Wie wichtig Kultur für eine Gesellschaft ist, spürt man in den letzten Wochen – durch ihren Wegfall. Das Gefühl einer Unwichtigkeit von Kultur, ihrer gesellschaftlichen Irrelevanz und Nebensächlichkeit begegnete mir oft in jenen Zeiten, als man ganz selbstverständlich im Veranstaltungskalender blätterte und sich für einen Netflix-Abend entschied. Es begegnete mir auch bei (wenigen) Veranstaltungsabenden, bei denen sich, trotz des hohen künstlerischen Niveaus und auch des Organisations- und Finanzaufwandes nur wenige interessierte Menschen zusammenfanden.

In den letzten Wochen kann man auch spüren, wie eine digitalisierte Gesellschaft ohne analoge Kultur und (wirtschaftszweck-)freie Zonen (das sind zumeist Vereinsgalerien und Museen) aussehen könnte. Es ist eine fade Welt, in der die haptischen Erfahrungen an der gläsernen Mauer des Monitors abprallen. Das soll keine Kritik an den digitalen Möglichkeiten und schon gar nicht an ihren spezifischen Kunstformen sein. Medienkünstler generieren nicht erst seit gestern eigene, höchst schätzenswerte digitale Kunstformen. Auch die Versuche, analoge Kunst- und Ausstellungsformen in digitale Formate zu übertragen sind gerade für die Dokumentation von realen Ausstellungen nützlich. Sie sind aber kein adäquater Ersatz. Das Digitalisat als Surrogat der Wirklichkeit zu verstehen ist irreführend. Das Digitalisat stellt einen eigenen Raum der Wirklichkeit dar.

Der Jenaer Kunstverein hat einige digitale Angebote zu seinem Jubiläum entwickelt. Eine interaktive Karte zeigt die Stationen, an denen der Kunstverein in den dreißig Jahren seines Bestehens tätig war. Die Karte zeigt, dass es viele Überschneidungen zwischen Vereinsgeschichte und Stadtgeschichte gibt.

Ein chronologisches Literaturverzeichnis listet alle Publikationen des Kunstvereins seit seiner Wiedergründung 1990 auf; es handelt sich dabei zumeist um Ausstellungskataloge. Ein Teil der Kataloge ist digitalisiert und kann kostenfrei gelesen werden. Ergänzend zur Dokumentation der Ausstellungen präsentiert der Jenaer Kunstverein seine Plakatsammlung digital.

Sukzessive werden Publikationen und Plakate dauerhaft recherchierbar in Datenbanken der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek eingearbeitet. Zusätzlich publiziert der Jenaer Kunstverein Blog-Artikel anlässlich historischer Jubiläen in der Vereinsgeschichte und erinnert somit an die bewegende (Kultur-)geschichte des 20. Jahrhunderts.

Neben den dokumentierenden Rückblicken in die Geschichte blickt der Verein aber vor allem nach vorn. Und dort sieht er: Kunst! Was sonst. In Jena. Im öffentlichen Raum und auch in der Galerie des Kunstvereins im Stadtspeicher am Markt.

Bis bald und Happy Birthday, lieber Kunstverein, 

Dein
Robert Sorg, Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins

Zum Autor: 

Foto: Rene T. Kusche, Alle Rechte vorbehalten.

Robert Sorg ist Kunsthistoriker, M.A. und leitet als Vorsitzender seit November 2016 ehrenamtlich den Jenaer Kunstverein. Seit 2009 steht er zudem dem kunstfördernden Verein „Kunsthof Jena“ vor.
Beruflich ist er im Referat „Digitale Entwicklungen“ der Herzogin Anna Amalia Bibliothek der Klassik Stiftung Weimar tätig.  

Abbildung oben: Skulptur von Christoph Reichenbach Es war als konnten wir fliegen (Assemblage, 2012) während der Jubiläumsausstellung „vielfalt! 30 Künstler*innen aus 30 Jahren Jenaer Kunstverein“ in der Galerie des Jenaer Kunstvereins im Stadtspeicher vor der Deckeninstallation von Anke Neumann DIE SONNE (Handgegossenes Papier mit integrierten optischen Fasern, Lichtprojektor, 2008).

Foto: Wolfgang Grau / Jenaer Kunstverein, Alle Rechte vorbehalten.